"Eine Linie schlängelt sich diagonal durch das
Bild. Der freie Bildraum verleiht ihr Behauptungskraft. Trotz der
hellen Farbigkeit besitzt die krustige Oberfläche Schwere und
physische Präsenz. Die Linie hat wie selbstverständlich ihren Weg
durch die pastöse, schrundige Farblandschaft gefunden. Wie eine
Blutbahn unter einer Haut lässt sie an einen Körper, an organisch
Gewachsenes denken. Man könnte in dem reliefartigen Bild auch ein
Mauerstück sehen, in das die Witterung Risse eingeschrieben hat, in
dem die Farbhülle aufgeplatzt ist und in dem Hitze und Nässe, der
Wechsel der Jahreszeiten verschiedene Farbwerte haben entstehen
lassen...
In den Bildern von Lothar Brix scheint das Material
selbst zu sprechen. Wir wissen natürlich, dass diese Ansprache das
Ergebnis einer kompositorischen Setzung ist. Sicher nicht die
malerische Exekution eines vorab konzipierten Bildentwurfs und auch
nicht eine écriture automatique, die den Weg der Malwerkzeuge der
Psyche entäußernden Eigenbewegung des Künstlerkörpers überlässt. Solch
ein Bild entsteht eher in der prozesshaften Auseinandersetzung mit
zeichnerischen Elementen, die aus den Diensten von Abbild,
Beschreibung und Erzählung befreit ist...
So entfalten sich die emotionalen Werte von Linien
und der stoffliche Gehalt von Farbflächen durch die Formlösung selbst:
in der Wahl des Untergrunds und der Malwerkzeuge, über die Transparenz
oder Dichte der Farbhaut, über Schwere und Zartheit des Farbmaterials,
über schmale oder breite Strichführung. Das Bildnerische ist frei von
begrifflichen Umwegen. Die Sinne des Betrachters werden direkt
angesprochen, und der Künstler kann davon profitieren, dass sich
unsere Wahr-nehmungswege durchaus abseits der gewohnten Wege
aktivieren lassen...
Die neueren informellen Arbeiten von Lothar Brix
unterscheiden sich auch deutlich von einer vorangegangenen Werkphase,
in der der Künstler einen von ihm selbst so genannten cineastischen
Realismus ausbildete. Es entstanden vorwiegend menschenleere
Interieurs, die von einer künstlichen, geheimnisvollen Atmosphäre
bestimmt sind. Möbel treten darin als Stellvertreter für die Bewohner
auf, durch Fenster fällt hartes Licht, offene erzählerische Momente
sind in energetisch aufgeladene Kulissen und eine schillernde
Lichtdramaturgie gesetzt. So realistisch diese Interieurs als
Seelenräume auch wirken, manche Gegenstände besitzen eine bewegte,
schon fast reliefartige Oberfläche und damit Körperlichkeit und
Geschichte...
Bleibt noch zu erwähnen, dass Lothar Brix auch
Musiktheoretiker, Musiker und Komponist ist, der sich in der Praxis
wenig um Schul- und Epochengrenzen schert, der das kantable Motiv, die
Tonalität, impressionistische Klangschichten oder die klassische
thematische Arbeit zur Genusssteigerung keineswegs verschmäht. Nun
gibt es ja diese synästhetischen Vorstellungen vom Klang der Bilder
und von Bildern der Klänge. Wahrscheinlich ist es aber eher so, dass
jemand, der sich in verschiedenen künstlerischen Sprachen ausdrückt,
bewusster aus einem reicheren Instrumentarium schöpfen kann, dass sich
für ihn weitere Empfindungshorizonte öffnen und dass er
differenziertere Skalen aktivieren kann. Brix selbst hat das Band
zwischen all dem mal ganz einfach formuliert:
"Ich will immer eine ganz bestimmte atmosphärische
Dichte, egal mit welchen Mitteln.""